I had a dream
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Ein alter Text zu einem aktuellen Thema
August 2013

 

Ach, lieber Herr Obama, Sie sind doch eigentlich ein richtig toller Typ … aber irgendetwas läuft da schief, seit Sie diesen Friedensdingenspreis bekommen haben, oder? Sie hatten doch tolle Visionen! Und jetzt scheinen Sie am Ende Ihres Lateins zu sein. Ich bin es ja eigentlich auch, aber dann hatte ich letzte Nacht diesen Traum …

Sie besuchen Nelson Mandela im Krankenhaus, bringen ihm Blümchen mit, die Sie vor dem Flughafen gepflückt haben. Sie wünschen ihm von Herzen gute Besserung. Und wenn das mit der Gesundheit nicht klappen sollte, dann hoffen Sie für ihn, dass er wenigstens nicht so arg leiden muss, sondern versöhnt mit sich und seiner eifernden Verwandtschaft sterben kann. Nun, viel Zeit zum nachdenklichen Händehalten bleibt nicht, denn Sie kommen nicht allein:

Sie haben eine Reihe von Leuten mitgebracht, zuerst den Assad, denn um sein Land soll es ja heute gehen, und den Dalai Lama, als Unparteiischen, dann noch einen Rebellen aus Syrien, den anderen erkenne ich nicht, könnte einer vom IS sein? Putin schlüpft spät, aber nicht zu spät zur Tür herein.

In die Stille hinein fragt der Rebell den Bettlägrigen, wie Nelson denn das ausgehalten habe, über 30 Jahre im Gefängnis! Aller menschlichen Rechte von den Weißen beraubt – er selbst wäre vor Wut geplatzt und hätte … Während er nervös an seiner Kalaschnikow fingert, glättet der Lama geschickt die Wogen, ja, das interessiere ihn auch, er habe ja damals vor rund fünfzig Jahren sein Tibet verlassen, um diesem Schicksal zu entgehen, also um nicht in ein chinesisches Gefängnis geworfen zu werden.

„Wie“, meint der andere mit dem Arafat-Tuch, „wir sollten alle fliehen? Alle Araber und Muslime und Bruderschaften sollten den Nahen Osten verlassen – Exodus und so?“ – Richard von Weizsäcker, der bislang stumm in der Ecke verharrte, hebt das Ganze auf eine philosophische Ebene: „ "Tja, Flüchten oder Standhalten", das scheint hier also die Frage zu sein.“ - „Na, o.k.“, meint der Betuchte, also der mit dem Tuch um den Kopf, „klingt wenigstens nicht so absolut wie, "Sein oder Nichtsein"!“

„Passt aber nicht zu unserer Märtyrerstrategie …“

„Äh“, räuspert sich Assad spontan, dessen Kopf sich verwirrt von einem zum nächsten Redner wendet und der sichtlich sein Konzept vergessen hat, „äh, also“, tönt es unbewegt aus dem Betonkopf heraus, „ICH bin hier der Märtyrer, ICH opfere mich auf für mein Volk!“

„Junge“, rebelliert sein Gegenüber, „WIR sind das Volk!“

Wladimir nickt versteinert-nachdenklich. „Ja, aber es regiert sich besser ohne Volk, das bringt nur alles durcheinander. Ich kenne mich da aus!“

„Können wir nicht mal über was Spannendes reden, schaut mal, Onkel Nelson ist schon eingeschlafen!“, meckert da Obamas Jüngste. „Was hattet ihr denn zum Beispiel in meinem Alter für Träume, wie sollte eure Welt mal aussehen?“

Stille.

Manche atmen hörbar aus, andere lehnen sich zurück. Der Präsidentenspross schaut fragend von einem zum anderen, wundert sich über verklärt-träumerische Blicke oder auch über feurig-funkelnde Augen. „Na, was ist? Sprache verschlagen?“

„Ich träumte von blühenden Landschaften – mitten in der Wüste“, meint Assad, ähnlich wie Kohl.

„Ich auch“, fällt ihm sein Landsmann, der Rebell, ins Wort, „jeder von uns hatte ein Stückchen Land, ein Häuschen drauf, und unsere Kinder und Enkel hatten eine schöne Zukunft vor sich!“

„Also“, hebt Assads Waffenlieferant, der Putin, an, „also ich hab damals schon von einem richtig schweren Motorrad geschwärmt. Du musst wissen, Kleines, damals waren wir alle bettelarm in der Sowjetunion, ohne Ausnahme. Und daher galten nur diejenigen was, die richtige Kerle waren, du weißt schon,  groß und voller Muskelpakete. Und damals habe ich mir insgeheim geschworen: „Denen zeig ich´s! Eines Tages zeige ich´s denen allen!“ Und jetzt habe ich die Maschine! Zweimal so groß wie ich selbst.
Aber lieben tut mich trotzdem keiner. Und so lasse ich jetzt eben meine politischen Muskeln spielen: Ist doch toll, meine Stimme blockiert jede noch so sinnvolle UN-Resolution!“

Da schiebt Barack ein Tischchen herein mit frisch aufgeschnittenen reifen südafrikanischen Früchtchen, er verteilt Holunderblütensaft – mit oder ohne Prosecco.

„Oh, das tut mir leid für Sie, Herr Putin“, meint der Lama mit aufrichtigem Bedauern. „Wissen Sie, ich verstehe nicht so viel von Politik, aber ich glaube, dass sich letztendlich alle Menschen danach sehnen, glücklich zu sein und geliebt zu werden!“

„Ja, genau das erwartet uns Selbstmordattentäter im Paradies!“

„Ich weiß nicht“, räuspert sich Weizsäcker, „ob das so gemeint war. Schauen Sie, ich bin auch ein gläubiger Mensch wie Sie, und unser Jesus spricht auch vom Himmelreich, aber schon hier – auf Erden! Ist das nicht eine wunderbare Vorstellung?“

Bei diesen aufklärerischen Worten – oder auch gelockt vom süßen Duft der Früchte – ist Nelson Mandela aufgewacht: „Ach, Kinder, dass ich das noch erleben darf! Ihr redet so schön miteinander, wenn ihr doch ein Vorbild für meine Familie sein könntet! Die streiten sich alle um mein Erbe! Ich danke euch von Herzen! Das ist eine Vision für eine neue Welt!“

Tief berührt von den überraschenden Worten dieses charismatischen Führers der Schwarzen erheben alle ihre Gläser.

„Auf unser Erbe!“ So hat Assad die letzten Worte des langjährigen südafrikanischen Präsidenten interpretiert. „Auf unsere Ehre!“ So haben es der syrische Rebell und der Mann vom IS verstanden. Erstmals seit Ewigkeiten sehen sie sich in die Augen, voller Erstaunen über so viel Einverständnis!

„In dubio – Pro-secco!“, flüstert von Weizsäcker dem Obama ins Ohr. Aber der kann kein Latein und versteht den Witz nicht.

Die drei Syrer ziehen sich begeistert debattierend ins Schwesternzimmer zurück, es geht um Erbe und Ehre, um blühende Landschaften und ein sozialistisches Gesellschaftsmodell mit Kleingärten und Bildung für alle.

„Mögen alle Syrer glückselig sein“, hört man den Lama murmeln, „mögen sich alle Juden, Christen und Moslems versöhnen! Möge ich irgendwann die Menschen verstehen …“

Nelsons Augen sind friedlich geschlossen. Barack sitzt auf dem Rand seines Bettes.

„Mensch, Mädel“, meint er zu seiner Jüngsten, „wir bräuchten mehr von dir!“

„Ja, wir Frauen!“, meint die Kleine.

Putin nimmt neben ihnen auf dem Bett Platz und wendet sich etwas nachdenklich an Barack:

„Du, du kennst doch die Geschichte mit den Pflugscharen. Also Schwerter und alles Kriegszeugs einschmelzen und einen Traktor draus machen.“ – „Hey, tolle Idee, das hätte ich dir gar nicht zugetraut: Aus Raketen Bewässerungsanlagen bauen, Papa, bitte, sag ja!!“ – Darauf meint der Papa: „Mensch, alter Kommunist, du willst wohl in die blühenden Landschaften in Syrien einsteigen? “

I had a dream, lieber Herr Obama: Sie freuten sich, wie schön und leicht es sei, Weltpolitik zu machen, Ihre Tochter plant bereits Mädchenschulen in Damaskus, Wladimir summt so etwas wie „Born to be wise“ und der Lama nickt: Letztendlich ist alles eine Frage der Würde des Menschen!

 

Ich habe einen Traum.

                                                                                                                                       Dorothea Luther